Muss denn wirklich jedes Bild einen tieferen Sinn haben?

April 20, 2018

Ich habe mir im Laufe der Zeit abgewöhnt, regelmäßig die Bilder anderer Fotografen anzusehen oder ihnen zu folgen. Ich bin selten in Fotografie-Gruppen bei Facebook unterwegs und versuche, Trends aus dem Weg zu gehen. Das hat einen einfachen Grund: So bleibt mein Geist freier und es fällt mir leichter, meinen eigenen Stil umzusetzen, selbst kreativ zu sein. 

 

Ab und zu schaue ich natürlich trotz alledem einmal in entsprechenden Gruppen vorbei oder das ein oder andere Bild wird in meine Timeline geschwemmt. Dabei ist mir immer wieder etwas aufgefallen: Bilder dürfen Heute nicht mehr einfach nur Bilder sein. 

 

Ich will niemandem eine Meinung aufdrängen. Jeder hat seine eigene Auffassung davon, was und wie die Fotografie sein soll - und das ist gut so! Jeder Fotograf sollte seine eigene Handschrift haben - und beibehalten. Trotzdem möchte ich ein paar Gedanken mit Euch teilen. 

 

 

Im Auge Eines Pferdes spiegelt sich seine Seele

 

Immer öfter lese ich tiefgründige, bedeutende Umschreibungen unter Fotos. Jetzt mal Hand auf's Herz - wem kommen Beschreibungen wie diese bekannt vor? "Im Auge des Pferdes spiegelt sich seine ganze Seele, sein Temperament, das Auge ist der Spiegel zur Seele" oder "Dieses Foto hält das ganze, wunderbare Wesen dieses Pferdes fest und zeigt es auf eine tiefgründige Art" oder "Jede Linie in diesem Foto strahlt eine gewisse Poesie aus". Jedes Bild muss eine Energie, eine bestimmte Tiefe ausstrahlen - es gibt kaum noch ganz normale Portraits. Ständig sind Fotografen auf der Suche nach DEM EINEN, ganz besondereren Pferd, dem ausdrucksstarken Model - Bilder vom normalen Pony von der Weide um die Ecke werden kaum noch gezeigt. 

 

Auch ich denke mir etwas bei meinen Bildern. Ich bin immer bestrebt, ein Tier so einzufangen, dass die Bilder authentisch wirken und den Charakter eines Tieres wieder spiegeln. Auch ich bin der Meinung, dass ein Bild besonderen Regeln unterlegen muss, was den Bildschnitt, den Bildaufbau und das Posing angeht. Auch ich betone meine Motive mit Hilfe von Lichtführung, Dodge & Burn und Co. und mache mir bei der Bildbearbeitung so meine Gedanken... Und auch ich bin diesem Trend schon erlegen, habe ähnliche Sprüche und Interpretationen unter meine Bilder gesetzt und versucht mehr aus ihnen zu machen, als sie vielleicht waren. 

 

ABER 

 

Ich bin Fotografin. Das ist mein Beruf. Ich lebe davon, Tiere anderer Leute zu fotografieren. Und wenn ich zu einem Shooting fahre, dann ist meine oberste Priorität, meinen Kunden glücklich zu machen. Er soll die Bilder sehen und sich darüber freuen, sein Pferd wiedererkennen, es aber von seiner besten Seite sehen. Meine Kunden achten nicht auf Linien- und Lichtführungen, erkennen keinen tiefen Sinn in ihren Fotos - sie wollen sich einfach an schönen Aufnahmen ihrer Vierbeiner erfreuen, wollen Erinnerungen an sie festhalten.

 

Ich will meinen Kunden eine gewisse Vielfalt bieten. Ich zeige ihnen selbstverständlich mystische, romantische Gegenlichtaufnahmen, die ich selbst liebe und mit Vorliebe zeige. Aber manchmal macht einen Reiter oder einen Hundebesitzer auch ein ganz "schnödes" Foto in Bewegung glücklich - mit dem Licht, ohne außergewöhnliche Linienführung, vielleicht sogar in einer nicht ganz perfekten Phase. 

 

Natürlich ist es wichtig, seinen Stil zu finden, ihn zu zeigen und Kunden zu finden, die einen Fotografen genau wegen dieses Stils buchen. Dennoch ist es wichtig, sich auch immer auf die Wünsche des Kunden einzustellen, ihn glücklich und zufrieden zu machen. Wenn ich Fotos für einen sportlich ambitionierten Reiter und seinem Pferd mache, ihm aber nur Bilder von seinem freilaufenden Pferd im Gegenlicht zusende - meint Ihr, diese Bilder würden ihn zufrieden machen? Selbst, wenn der Sinn des Bildes noch so tief und der Charakter der Pferdes sich noch so sehr in seinen Augen wiederspiegelt? Will dieser Kunde nicht vielleicht auch ein einfaches Portrait, ein Reitbild, ein Bild vor schwarzem Hintergrund seines Pferdes?

 

Was ich damit sagen will: 

 

Behaltet Euch Eure Wandelbarkeit bei. Versucht, aus jedem Shooting das beste herauszuholen, setzt Eure Models so gut es geht in Szene, macht Euch Gedanken zu jedem Bild - aber versetzt Euch auch in die Lage Eurer Kunden, sucht nicht in jedem Bild krampfhaft nach dem tieferen Sinn, messt einigen Dingen nicht mehr Bedeutung bei als sie wirklich haben. 

 

Manchmal ist ein Portrait einfach nur ein einfaches, technisch gut ausgearbeitetes Portrait. Und manchmal ist der tiefere Sinn hinter diesem Foto einfach nur, dass es seinem Betrachter - Eurem Kunden - gefällt. 

 

Und manchmal sind es gerade die unaufgeregten, die nicht ganz so besonderen Bilder, die deswegen zu etwas ganz besonderem werden. Weil sie eine Erinnerung für die Besitzer der Tiere sind. 

Also zeigt auch mal wieder mehr solcher Fotos! Zeigt nicht immer nur die perfekten Bilder, in die ihr - zu viel? - hineininterpretieren könnt. Zeigt lieber Bilder, die Eure ganz normalen Kunden zeigen! Kunden, die keinen PRE, keinen Hengst mit langer Mähne zu Hause haben. Denn das was ihr zeigt, das macht letztendlich Eure zukünftigen Kunden auf Euch aufmerksam. Und die erkennen in einem Foto nicht immer das, was ihr darin erkennt - im Gegenteil, sie schrecken solche Bilder manchmal sogar ab. 

 

Und letztendlich sind es Eure Kunden, die euch ermöglichen, Euren Traum - als Tierfotograf zu arbeiten - möglich machen. 

 

Und um Euch mal zu zeigen, was ich meine: Hier mal eine Auswahl von ganz normalen Bildern, die meine Kunden trotzdem glücklich gemacht haben :) Ich selbst werde mich in nächster Zeit auch immer wieder zwingen, auch "solche" Bilder einmal zu zeigen. 

 

Kleiner Tipp

 

Lest Euch die Bildunterschriften zu den folgenden Bildern gern durch, beweist dabei aber bitte ein wenig Humor - dann lohnt es sich! :D 

 

 

"Der rote Zaun im Hintergrund unterstreicht die rötliche, typische Fellfarbe des Hundes und das wunderschöne, tiefgründige Braun der Augen."

ODER 

"Der Zaun war echt blöd aber wegmachen ging eben nicht, sonst hätten wir später alle 10 Welpen aus dem Gebüsch ziehen müssen, 2 wären vermutlich unauffindbar gewesen und einer im angrenzenden Teich gelandet."

 

"Der liegende Hund im verschmilzt durch seine Spiegelung mit den seichten Wellen im Wasser und spiegelt dadurch die Liebe zum Meer wieder"

ODER 

"Herr Mops hatte einfach keinen Bock mehr, sich auch nur einen Centimeter zu bewegen und blieb deswegen einfach an Ort und Stelle liegen, statt durchs Wasser auf mich zuzulaufen."

 

"Die Verbundenheit zweier Reiter, zweier Pferde, zweier Herzen - die unbändige Kraft, die dazugehört, wenn zwei Pferde im Galopp um die Wette rennen"

ODER 

"Die Mädels wollten einfach nur ein cooles Freundinnen-Bild von sich und haben sich für eine Mili-Sekunden an die Hand genommen, als beide Pferde auf einer Höhe waren und der eine den anderen nicht schon abgehängt hatte."

 

 

"Der liegende Hund eingerahmt vom weißen und gelben Blumenmeer"

ODER 

"Eigentlich sollte Milly laufen, stehen, sitzen oder IRGENDWAS tun - ihr kleiner Welpenkopf war aber einfach schon zu abgelenkt und zu müde, also legte sie sich an den nächstbesten Ort um ein kleines Schläfchen zu machen. Übrigens das erste Mal, dass sie sich im Shooting hinlegte - immer dann, wenn wir es wollten, hatte sie irgendwelche Flausen im Kopf"

 

 

"Der liegende Hund im verschmilzt durch seine Spiegelung mit den seichten Wellen im Wasser und spiegelt dadurch die Liebe zum Meer wieder"

ODER 

"Herr Mops hatte einfach keinen Bock mehr, sich auch nur einen Centimeter zu bewegen und blieb deswegen einfach an Ort und Stelle liegen, statt durchs Wasser auf mich zuzulaufen."

 

 

"Das starke Pferd, das Ross eines Prinzen, wacht über seine Prinzessin vor der Rosenwand eines Schlosses."

ODER 

"Bettina brauchte Bewerbungsfotos für einen pferdigen Job."

 

 

"Die Linien und die Bildführung, die Muskeln des stattlichen Pferdes und der Verlauf der Zügel weisen alle auf das tiefgründige Auge des Pferdes hin, in dem man dessen wahre Stärke erkennen kann"

ODER 

"Für ein vernünftiges Verkaufsfoto bietet sich diese Pose gerade bei noch jungen, überbauten oder etwas schlaksigeren Pferden an, um etwas von eventuellen Schwachstellen abzulenken und das Pferd möglichst vorteilhaft abzubilden, ohne dafür Photoshop nutzen zu müssen. Ein gebogener Körper wirkt einfach muskulöser."

 

 

"Der Blick des Pferdes in die Ferne deutet auf eine tiefgründige, freiheitsliebende Seele hin"

ODER 

"Meine Kundin wünschte sich zum Abschluss ihres Shootings auf die Schnelle noch ein schönes, schlichtes Portrait ihrer Stute, "Ohne Alles"."

 

 

 

 

 

 

 

 

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